Das Umweltnetzwerk Gauting zur kommunalen Wärmeplanung in Gauting
Seit der Veröffentlichung des Abschlussberichts der Gemeinde zur kommunalen Wärmeplanung in Gauting hat sich das Umweltnetzwerk Gauting intensiv mit den Anforderungen und Möglichkeiten der zukünftigen Wärmeversorgung der Bürger*innen befasst.
Das ausführliche Ergebnis unserer Analyse können Sie im nachfolgenden „Langtext“ nachlesen.
Eine „Kurzversion“ unserer Erkenntnisse wurde am 13. April 2026 der regionalen Presse zur Veröffentlichung übermittelt.
Inhalt
- Klares ‚Ja‘ zur kommunalen Wärmeplanung in Gauting
- Ausgangssituation
- Grüner Wasserstoff und Bio-Methan: Keine realistische Option
- Vorsicht (Kosten-) Falle
- Handlungsoptionen
- Forderungen
- Quellenverzeichnis
Klares ‚Ja‘ zur kommunalen Wärmeplanung in Gauting
Im Kontext der laufenden Geothermie-Planungen unterstützen wir die frühzeitige Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung. Denn sie gibt unserer Bürgerschaft eine wichtige Orientierung hinsichtlich langfristiger Investitionssicherheit, Vermeidung von Fehlinvestitionen mit hohen Folgekosten, Nutzung von Fördermöglichkeiten, Werterhalt eigener Immobilien und Erfüllung gesetzlicher Anforderungen. Kurz, je früher die kommunale Wärmeplanung bekannt ist, desto mehr schützt sie Eigentümer*innen von Immobilien vor wirtschaftlichen Risiken und unterstützt gezielte, kosteneffiziente Modernisierungen.
Der dramatische Anstieg der Preise für Öl und Gas infolge des Krieges am Persischen Golf in den letzten Wochen unterstreicht ein weiteres Mal die (auch volkswirtschaftliche) Dringlichkeit eines raschen Ausstiegs aus fossilen Energieträgern. Die Pläne von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche, die auf eine Verzögerung des Ausstiegs aus Gasheizungen abzielen, lehnen wir umso mehr ab.
Ausgangssituation
Der durch den starken Anstieg von Treibhausgasen (vor allem CO2 und Methan) in der Atmosphäre verursachte globale Klimawandel trifft Deutschland und besonders auch Bayern mit Temperaturerhöhungen und wachsender Häufigkeit von Extremwetterlagen wie Dürren und Überschwemmungen bereits heute besonders hart. Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsmacht innerhalb der Weltgemeinschaft steht dabei vor der großen und verfassungsrechtlich bindenden Herausforderung, seine vor allem durch Verbrennung von Kohle, Öl und Gas bedingten Treibhausgaseimissionen innerhalb von 25 Jahren auf fast Null zu reduzieren.
In der verbleibenden Zeit bis zum Jahr 2040 wird sich der Verbrauch der fossilen Energieträger Öl und Gas für die Endkund*innen zunehmend weiter verteuern. Diese schwierige Situation für die Verbraucher*innen wird aller Voraussicht nach durch geopolitische Lieferrisiken und Engpässe, nicht zuletzt den Ukrainekrieg, noch verstärkt werden. Daran werden auch die energiewirtschaftlich völlig unerheblich geringen Mengen heimischer Erdgasressourcen nichts ändern, die zudem vor allem in Bayern nur unter großen ökologischen Risiken gefördert werden können. Auch synthetische Gase auf Basis von sogenanntem Grünem Wasserstoff werden in keiner Weise wirtschaftlich und technisch Erdgas für den Wärmemarkt ersetzen können.
In dieser Marktlage von Erdgas für Heizzwecke stehen in Gauting mit seiner stark dezentralen Bebauung vor allem Besitzer*innen von Eigenheimen vor einer folgenschweren Entscheidung bei Ersatzbeschaffungen für Gasheizungen, die in der nächsten Zeit das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreichen. Die Entscheidung für eine Nachfolgeanlage hängt dabei nicht nur von den reinen Investitionskosten ab. Sie sollte ebenso die Folgekosten für die Lebensdauer der Anlage (mind. 20 Jahre) enthalten.
In dieser für viele Bürger*innen unübersichtlichen und zudem langfristig finanziell extrem kritischen Situation möchte das Umweltnetzwerk Gauting dazu beitragen, dass die Betroffenen eine ökologische sowie eine für sie wirtschaftlich darstellbare und sichere Lösung wählen können.
Dazu siehe auch: www.dpg-physik.de/veroeffentlichungen/aktuell/2025/klimaforschende-wenden-sich-an-die-deutsche-politik
Laut Klimaforschenden könnte die Drei-Grad-Grenze schon 2050 erreicht werden
DPG und DMG weisen deshalb darauf hin, dass eine globale Erwärmung um 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits um 2050 nicht ausgeschlossen werden kann. Eine „3-Grad-Welt“ würde für Deutschland eine erhebliche Zunahme an Extremwetterereignissen bedeuten, vor allen Dingen, was Hitze, Starkregen und Dürre angeht.
Vor diesem Hintergrund mahnen die Fachgesellschaften erhebliche Versäumnisse beim Klimaschutz und gleichzeitig ein deutlich höheres Maß an Maßnahmen an. Trotz der sich beschleunigenden globalen Erwärmung haben die globale Gemeinschaft und auch Deutschland bislang nur unzureichend auf die damit verbundenen Gefahren reagiert.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass es, physikalisch betrachtet, kein „Restbudget“ an Kohlenstoffdioxid (CO2) mehr gibt. Deswegen sei es dringend erforderlich, fossile Wärmequellen schnellst möglich durch klimaneutrale Wärme zu ersetzen, denn die drohenden Klimaschäden könnten bis zum Jahr 2050 eine Schadenssumme von bis zu 900 Milliarden Euro erreichen.
Grüner Wasserstoff und Bio-Methan: Keine realistische Option
Für die Umstellung auf klimaneutrale Wärme stellen klimaneutrale Gase wie Biomethan, synthetisches Methan oder grüner Wasserstoff keine realistische Option für die private Wärmeversorgung dar. Sie sind bisher nur in geringen Mengen verfügbar [1] und ihre Herstellung ist energiewirtschaftlich ineffizient. [2] Der Strombedarf aus erneuerbaren Energien für das Heizen mit Wasserstoff oder synthetischem Methan liegt laut Umweltbundesamt um das 4- bis 5-fache höher als mit einer Luft-Wärmepumpe.
Wasserstoff sollte also nur da zum Einsatz kommen, wo es keine direkte elektrische Alternative gibt, wie etwa in der Industrie, den Spitzenlastkraftwerken der Energieversorgung und für den Schiffs- und Flugverkehr. [2]
Die renommierte Energieökonomin Claudia Kemfert sagt: „Heizen mit Wasserstoff ist wie Duschen mit Champagner.“
Aufgrund abnehmender Gasnutzer*innen beginnen die ersten Energieversorger bereits mit der Stilllegung ihrer Gasnetze. Es sind steigende Netzentgelte und damit höhere Gaspreise für die verbleibenden Kund*innen zu erwarten.
Heizen mit Biomethan wird im Vergleich zur Wärmepumpe damit noch teurer. Insgesamt besteht die große Gefahr, dass Verbraucher*innen durch die vermeintlich einfache Lösung der Beimischung von Biomethan in die Irre geführt werden und letztendlich auf hohen Kosten sitzen bleiben.[1]
Das Festhalten an fossiler Infrastruktur schafft eine gefährliche Verunsicherung der Verbraucher*innen und ist aus Sicht des Umweltnetzwerks gesellschaftlich unverantwortlich.
[2] https://www.borderstep.de/wp-content/uploads/2024/05/2024-Erdgasnetz-Heizen-mit-H2-Waermepumpe-.pdf
Vorsicht (Kosten-) Falle
Zwei Faktoren werden die Preise für Gas in den nächsten Jahren deutlich steigen lassen:
- Steigende CO2 Abgaben: 2025 liegt die CO2 Abgabe für Gas bei 1,19 Cent pro kWh. Bis 2030 wird sie vermutlich auf über 5 Cent pro kWh steigen (das Ariadne-Projekt geht von 5,94 Cent aus, das Energiewirtschaftliche Institut der Universtität Köln von einem noch höheren Preis)
- Die Zahl der Haushalte, die mit Gas heizen, ist schon in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Ein weiterer Rückgang ist in den nächsten Jahren zu erwarten. Die Kosten für den Bau und den Betrieb der Gasnetze werden über die sogenannten „Netzentgelte“ auf die Kund*innen umgelegt. Sinkt die Zahl der Kunden*innen, steigen die Kosten pro Kund*in.
Handlungsoptionen
Unabhängig vom zukünftigen Heizsystem ist es sinnvoll, Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs der Immobilie durchzuführen. Es muss dabei keine komplette Sanierung umgesetzt werden, auch Einzelmaßnahmen, wie z.B. die Erneuerung von Fenstern, sind hilfreich.
Darüber hinaus empfehlen wir eine Energieberatung der Verbraucherzentrale Bayern oder einen Energie-Check vor Ort in Anspruch zu nehmen, siehe https://www.lk-starnberg.de/www.lk-starnberg.de/energieberatung.
Insgesamt ergeben sich aus den Gebietskategorien der kommunalen Wärmeplanung eine Reihe grundsätzlicher Vorgehensmöglichkeiten:
Gebiet mit potenziellem Fernwärmenetz
Wer in einem Gebiet wohnt, das laut der Kommunalen Wärmeplanung an die Fernwärme angeschlossen werden soll und ein Heizungssystem hat, das voraussichtlich noch über mehrere Jahre funktionieren wird, kann die weitere Entwicklung vorerst abwarten. Sollte das Fernwärmenetz nicht in der benötigten Form realisiert wären wäre gemäß Einzelversorgungsgebiet weiter vorzugehen.
Gebiet mit potenziellem Nahwärmenetz
Verteilte Gebiete eignen sich auch für ein Nahwärmenetz, gespeist beispielsweise durch oberflächennahe Geothermie. Mit einer Nachbarschaftsinitiative zur Schaffung eines Nahwärmenetzes lassen sich gegenüber einem kommerziellen Netzbetreiber die Kosten für die Abnehmer*innen senken. Deshalb macht eine Wirtschaftlichkeitsprüfung auf jeden Fall Sinn, und je mehr Abnehmer*innen sich zusammentun desto günstiger wird die Kostenverteilung. Sollte die Untersuchung zu einem negativen Ergebnis führen, dann entspräche das weitere Vorgehen dem Einzelversorgungsgebiet unten.
Einzelversorgungsbebiet
Wer in einem Einzelversorgungsgebiet wohnt oder damit rechnen muss, dass sein Heizungssystem sehr bald erneuert werden muss, muss sich um eine individuelle Lösung kümmern. Hier gilt folgende grobe Klassifizierung basierend auf dem Baujahr der Gebäude:
- Baujahr ab 1995 (nach der dritten Wärmeschutzverordnung):
- Eine Wärmepumpe kann normal problemlos genutzt werden und einer Vorlauftemperatur von 35° im idealen Effizienzbereich betrieben werden
- Baujahr zwischen 1978 (nach der ersten Wärmeschutzverordnung) und 1995:
- Der Einsatz einer Wärmepumpe ist bedingt, mit kleineren Sanierungsmaßnahmen in der Regel möglich und bei Vorlauftemperaturen bis 55° immer noch sehr effizient
- Baujahr vor 1978:
- Wenn die baulichen Gegebenheiten dies ermöglichen kann eine Wärmepumpe unabhängig von der Vorlauftemperatur für die Grundlast in einem Hybridsystem gemeinsam mit einer fossilen Bestandsheizung für die Spitzenlast zum Einsatz kommen
- Eine Bewertung der Situation durch einen Energieberater ist unerlässlich und sollte neben Auslegung eines möglichen Heizsystems auch einen schrittweisen Sanierungsfahrplan zum Ziel haben
- Nach schrittweiser Umsetzung der wirkungsvollsten Sanierungsschritte kann die fossile Heizung potenziell abgebaut und auf Alleinbetrieb der Wärmepumpe umgestellt werden
Die oben genannte Klassifizierung basiert auf der Annahme, dass nach dem Bau keine größeren Sanierungen am Haus vorgenommen wurden. Wer in einer Immobilie wohnt, die vor 1978 gebaut wurde und die bisher kaum saniert wurde, muss damit rechnen, dass unabhängig von der Heizung in den nächsten Jahren größere Maßnahmen anstehen. Dies könnten zum Beispiel der Austausch der Fenster oder die Sanierung des Daches sein. Die Angaben zu den Vorlauftemperaturen folgen den Hinweisen unter https://www.energie-experten.org/heizung/waermepumpe/leistung/vorlauftemperatur
Wer ein gutes Verhältnis zu seinen Nachbar*innen hat und weiß, dass diese in einer ähnlichen Situation sind, kann sich überlegen zusammen mit den Nachbar*innen nach einer Lösung zu suchen. Dies kann Kosten sparen, wenn z.B. Handwerker*innen von mehreren Nachbar*innen zusammen beauftragt werden.
Forderungen
Das Umweltnetzwerk sieht zur erfolgreichen Umstellung der Gautinger Wärmeversogung auf klimaneutrale Wärme folgende Punkte als besonders wichtig:
- schnelle Etablierung einer Steuerungsgruppe „Arbeitskreis Wärmewende“.
- Die Wärmewende muss zur Chefsache in der Gemeindeverwaltung werden und bedarf in Zukunft der vollen Unterstützung des neuen Bürgermeisters.
- die Kapazitäten in den betreffenden Ämtern müssen entsprechend aufgestellt werden.
- die Identifizierung von potentiellen Wärmenetzbetreibenden muss hohe Priorität haben.
- geeignete Fördermöglichkeiten sollen genutzt werden, da die Gemeinde die Kosten nicht alleine stemmen kann.
- für dezentrale Versorgungsgebiete sollen zeitnah Informations-/Beratungskampagnen angeboten werden, um die Bürger*innen bei der energetischen Sanierung/Heizungstausch zu unterstützen.
